Amtshaus in Gotha ohne konkrete Zukunft

  • Die wieder entdeckte Hausmarke am historischen Gothaer Amtshaus in der Augustinerstraße - "Zum grünen Lachs". Foto: Heiko Stasjulevics Die wieder entdeckte Hausmarke am historischen Gothaer Amtshaus in der Augustinerstraße - "Zum grünen Lachs". Foto: Heiko Stasjulevics
Das historische Gebäude in der Augustinerstraße steht seit langem leer. In diesem Jahr sollen Sicherungsarbeiten vorgenommen werden, um dem weiteren Verfall vorzubeugen.
Gotha. Das uralte Amtshaus, Augustinerstraße 15, ist schon seit vielen Jahren ungenutzt, steht seit 1987 leer. Notdürftig gesichert, bietet es nicht gerade den besten Anblick inmitten der Stadt. Dabei hat es im Laufe seiner Existenz vielen Gothaer Einrichtungen ein Domizil geboten. Ursprünglich dem Amtmann. In der jüngeren goth- schen Geschichte wurde das Haus als "Amtiller" bekannt.

Der momentane Zustand des Einzeldenkmals Amtshaus erfordere weitere Sicherungsmaßnahmen sowohl statischer als auch holztechnischer Art, heißt es aus der Stadtverwaltung. Der Stadt Gotha seien für die weiteren Sicherungsmaßnahmen Fördermittel aus dem Förderprogramm Stadtumbau-Ost zur Verfügung gestellt worden. Diese Sicherung solle der Stabilisierung und somit zum Erhalt des Gebäudes dienen. Noch in diesem Jahr werde das Vorhaben realisiert.

Vor einigen Jahren hatte die Wohnungsbaugenossenschaft (WBG) Interesse an dem Haus gezeigt, um es unter Einbeziehung zweier Nachbargrundstücke für altersgerechtes Wohnen auszubauen (wir berichteten). Doch leider konnte die Maßnahme der WBG aus "fördermitteltechnischen Gründen" im vorgesehenen Zeitrahmen nicht umgesetzt werden. Das Projekt sah vor, dort einmal 34 bis 36 Wohnungen mit Tagespflege sowie Tiefgaragen entstehen zu lassen. Die Stadt ist nun weiter auf der Suche nach Investoren, die dieses Konzept des altersgerechten Wohnens unter Einbeziehung der Grundstücke Augustinerstraße 13 und 17 umsetzen könnten.

Zur Geschichte: Der Amtmann galt einst als oberster Dienstmann des Landesherrn, verantwortlich für die Verwaltung bestimmter Distrikte. Er residierte im Amtshaus und trieb im Amtsbezirk die Steuern ein, sprach Recht und sorgte mit einer kleinen bewaffneten Schar für Sicherheit und Ordnung.

Der Gothaer Amtmann hatte zuerst seinen Sitz im Hause Schlossberg 12, auch als Haus "Zum Paradies" bezeichnet. Noch im Jahre 1613 residierte Johann Götz dort, bis es 1619 von Rudolf Cotta gekauft wurde. Von da an fanden die Sitzungen im Hause der Sundhäuser Gasse, der heutigen Augustinerstraße statt.

Das "Paradies" am Schlossberg ist ein sehr feiner Renaissancebau, dessen äußerer Schmuck sich auf die Sandsteineinfassungen der Fenster beschränkt. Das alte zweigeschossige Gebäude reichte übrigens nicht wie heute bis zur oberen Ecke, sondern ist erst im 20. Jahrhundert im alten Stil erweitert worden. Den Namen "Paradies" verdankt der Bau einer plastischen Darstellung von Adam und Eva, die sich heute in Engelsbach am Friedhofseingang befindet.

Erbaut wurde das Haus vermutlich im Jahre 1553, als erstes Amtshaus. Eine alte Bohlenstube mit biblischen Darstellungen zeugt heute noch von der einstigen Bedeutung des Hauses. Das "Paradies" ging 1712 an die Herzogliche Kammer. Die richtete darin die Wohnung des Hofpredigers ein.

Später zogen die Minister von Lindenau und von Stein ins "Paradies". Anschließend nutzten es die Innere Verwaltung und die Polizei der drei Landratsämter Gotha, Tenneberg und Ohrdruf. Der Oberhofprediger Wilhelm Friedrich Schäffer (1750-1831) bezeichnete das Haus als "verlorenes Paradies", wahrscheinlich in Anspielung auf den Verlust des Reliefs, schrieb der Gothaer Historiker Dr. August Beck 1869.

Nach weiteren Besitzerwechseln zog von 1858 bis 1918 das Gothaer Landratsamt ein. Später war es Sitz des Versorgungsgerichtes und des Oberversicherungsamtes, war zu DDR-Zeiten Konstruktionsbüro und ist heute in Privathand.

Das "hohe Steinhaus" in der früheren Sundhäuser Gasse wurde 1637 neu in L-Form errichtet. Dem massiven Vorderhaus mit Rundbogenportal und gedoppelter Tür lehnt sich der Seitenflügel mit aufgesetztem Fachwerkgeschoss im Hof an. Die große Toreinfahrt ist mit ziemlich flachem Kreuzgewölbe eingedeckt.

Als im Jahr 2004 aus Sicherheitsgründen der Putz an der Fassade entfernt werden musste, kam eine alte Hausmarke zum Vorschein: "Zum grünen Lachs". Im 18. Jahrhundert wohnten von Frau Oberschenk von Bechtolsheim, dann Geheimrat von Rothberg und dessen Witwe, Oberhofmarschall von Studnitz, Geheimrat von Frankenberg und Minister van der Becke darin.

Die Amtssitzungen fanden in dem daran anstoßenden, dem Westen zu liegenden Trakt, in dem auch der Amtmann wohnte und wo die Gefängnisse waren, statt.

Bereits im Jahre 1828 hatte der Stadtrat das Amtshausgebäude an der Sundhäuser Gasse für 8000 Reichstaler erworben, um darin eine Bürgerschule für Mädchen einzurichten.

Die öffentliche Mädchenschule befand sich bis dahin in einem "finsteren, feuchten und ungesunden Locale im Erdgeschosse des Augustinerklosters", so August Beck. Da das Haus mehr Platz bot als für die Mädchenschule erforderlich war, wurde das obere Stockwerk einem Stadtdiakon zur Nutzung eingeräumt. Später diente die Etage einem der Mädchenlehrer als Wohnung.

In der Folgezeit fanden darin die Höhere Töchterschule und die Religionsschule der israelischen Gemeinde Aufnahme. Gegen Ende des 20. Jahrhundert fand auch noch das Büro des städtischen Wasserwerkes und Tiefbauamtes, mit dem genialen Hugo Mairich an der Spitze, dort ein Domizil.

Bis 1987 diente das einstige Amtshaus schulischen Zwecken. In den letzten Jahrzehnten als Hilfs- oder Sonderschule für lernschwache Kinder. Daraus entstand der gothsche Spottname "Amtiller". In Anspielung auf das dortige Wasserwerk wurde es auch "Wassergymnasium" genannt.


Heiko Stasjulevics / 24.03.12 / TA
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