Privater Investor will Gothas Bahnhof abreißen

  • Halb geöffnet oder halb geschlossen? So einladend präsentiert sich derzeit der Gothaer Bahnhof.  Foto: Peter Riecke Halb geöffnet oder halb geschlossen? So einladend präsentiert sich derzeit der Gothaer Bahnhof. Foto: Peter Riecke
Sanierung oder Abriss und Neubau: Trotz des Verkaufs an einen privaten Investor kommen die Umbaupläne seit über einem Jahr nicht voran. Die Bahn bestätigt das Interesse an einer einvernehmlichen Lösung. Das nächste Gespräch mit der Stadt ist am 12. April.
Gotha. Wenn die Frühlingssone den Tunnel flutet, ist alles halb so schlimm. Dann wirkt die Unterführung, die von der Südstraße in den Bahnhof führt, hell und freundlich. Erst auf den letzten Stufen nach oben eröffnet sich die ganze Tristesse. Die Bahnhofshalle - kahl, heruntergekommen, graffittibeschmiert. Zwei Fahrkartenschalter, Bäckerstand, Zeitungsladen, ein Imbiss, der Penne für Dreifünfzig anbietet, davor ein paar Plastestühle. Der ungemütliche Charme des Provisorischen.

Dabei gibt es Pläne.

Rückblende. Im Spätherbst 2010 verkauft die Bahn das Gebäude an einen privaten Investor in Berlin. Bahn, Investor und Stadt treffen sich vor Jahresfrist erstmals, um die Chancen des Areals zu diskutieren. Inzwischen hat der Mann - es heißt, er sei kein Neuling auf diesem Terrain - ein Konzept vorgelegt, wie Stadtplanungsleiter Roland Adlich bestätigt. Es sieht den Abriss des alten Gebäudes und einen Neubau vor. Aus Sicht von Adlich wäre das die vernünftigste Lösung. "Auch wenn jetzt sicher viele aufschreien, aber das alte Gebäude besteht aus Fragmenten unterschiedlichster Bauzeiten. So wurde etwa der Vorbau nachträglich gebaut."

Und Adlich nennt einen weiteren Vorzug: Bei einem Neubau kann das Gebäude wieder in die richtige Achse gesetzt werden. Wer heute von der Bahnhofstraße Richtung Bahnhof blickt, erkennt dessen leicht "schräge" Lage.

Eine Alternative dazu wäre, das Gebäude komplett zu sanieren und den nicht mehr vorhandenen Westflügel wieder aufzubauen, um, so Adlich, "die Symmetrie wieder herzustellen".

An einer zügigen Einigung ist weiterhin auch die Bahn interessiert, wie das Büro von Volker Hädrich, dem Bahn-Konzernbeauftragten für Thüringen, bestätigte: "Wir stehen alle in regelmäßigem Kontakt und wir haben auch ein gemeinschaftliches Interesse an einer anständigen Lösung."

Der Weg dahin scheitert zunächst an der Forderung des Investors an die Stadt, für ihn Parkplätze zu bauen. "Das können wir nicht, weder rechtlich noch wirtschaftlich", sagt Adlich. Selbst wenn die Gothaer Kassen randvoll wären - es hieße, öffentliche Gelder für ein privates Grundstück einzusetzen.

Und so liegt das alte Bahnhofsgebäude derzeit wie eine gestrandete Lok auf einem inselgleichen Abstellgleis. Dahinter die der Deutschen Bahn gehörenden neuen Bahnsteige, davor der in Regie der Stadt umgestaltete, mehrfach preisgekrönte Vorplatz mit dem neuen Bus- und Bahn-Terminal.

"Ja, wenn hier ein ICE durchrauscht, wackeln die Regale", lacht Nicole Hertel. Vor sieben Jahren hat sie den Zeitungsladen im Bahnhof von ihrer Mutter übernommen, betreibt dazu auch noch eine Filiale im Terminal. Auch sie wünscht sich am liebsten einen Neubau. Die Wände in ihrem Laden hat sie selbst gemalert, doch angesichts der Hängepartie um das Gebäude will sie verständlicherweise "nicht groß investieren".

Unerträglich findet sie, dass nebenan am Imbiss geraucht werden darf. Die Gäste sitzen in der Bahnhofshalle und der Rauch, der in ihren Laden zieht, sei nicht nur unangenehm, er verschrecke auch die Kunden. Und wieso dürfe Bier serviert werden, wo es doch keine Toiletten mehr im Bahnhof gäbe?

Nicole Hertel hat auch sonntags geöffnet, da zieht zusätzlich der Bäckerstand nebenan ein paar Hungrige an. Und es kommt der ein oder andere Urlauber in ihr Geschäft. "Da muss ich die Stadt mal loben", erkennt sie die touristischen Bemühungen Gothas an.

Von außen hui, von innen pfui? Das findet zumindest Janine Lehmann. Die Lehramts-Studentin aus Gotha pendelt täglich nach Erfurt und findet jedes Mal bei der Rückkehr den heimischen Bahnhof "erschreckend": "Dabei ist die Grundstruktur des Gebäudes ja eigentlich schön, man müsste halt nur mehr daraus machen", sagt die 20-Jährige.

Immerhin, am 12. April gibt es das nächste Gespräch zwischen Stadt und Investor - in Form einer Telefonkonferenz.

In Gotha war ich oft und gern. Dieser Goethe zugeeignete Satz sollte einst das Bus- und Straßenbahn-Terminal zieren. Vielleicht taugt er ja für den neuen Bahnhof. Denn der wird kommen. Die Frage ist nur, wann?

Neubau oder Sanierung? Was sagen Sie zu den Plänen rund um den Gothaer Bahnhof? Schreiben Sie Ihre Meinungen oder Erlebenisse am Bahnhof an

gotha@thueringer-allgemeine.de oder per Brief:

Thüringer Allgemeine, Gartenstraße 28, 99867 Gotha

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Axel Eger / 21.03.12 / TA
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Kommentare
23.03.12 - 14:57
Heinrich
Könnten Sie mir bitte erklären, was an diesem hässlichen, zugigen, "preisgekrönten" Gerippe schöner sein soll als an einem altehrwürdigen und trotz seines schlechten Pflegezustandes immer noch ansehnlichen Bahnhofsgebäude? Ich warte lieber in einem Bahnhofshaus auf meinen Zug als in einer "Zugangstelle" vom Charme einer Tank- und Rastanlage. Da können die Wände noch so wackeln, wenn ein ICE durchfährt - das gehört bei einem Bahnhof sowieso dazu!
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