Volkshochschule Gotha bietet Kurse speziell für Analphabeten
Porträt
Isabel Herda ist Pädagogin an der Kreisvolkshochschule Gotha. Sie möchte, dass die Kursteilnehmer rasch Erfolge erleben können. Foto: Klaus-Dieter Simmen
Die Volkshochschule Gotha bietet Kurse speziell für Analphabeten an. Von ihnen gibt es mehr, als mancher denkt. Die Betroffenen sind auf Hinweise Dritter angewiesen, um von dem Angebot zu erfahren.
Gotha. Man sei ständig auf Hilfe angewiesen, sagt der jüngere Mann. Und der ältere fügt hinzu: "Und man wird ausgenutzt, gnadenlos ausgenutzt." Beide Männer sind funktionale Analphabeten. Menschen also, die so heißt es offiziell nicht hinreichend in der Lage sind, sich an zielgerichteten Aktivitäten der Gemeinschaft zu beteiligen, bei denen Lesen und Schreiben erforderlich ist. Doch diese Männer sind entschlossen, das zu ändern. Seit mehreren Monaten schon lernen sie in einem Alphabetisierungskurs der Volkshochschule, was für andere völlig normal ist. Immerhin gibt es in Deutschland mehr als sieben Millionen Menschen, die nicht lesen und nicht schreiben können. "Auf Thüringen herunter gerechnet sind das immerhin noch 300 000", sagt Jan Heinrich, pädagogischer Mitarbeiter der Kreisvolkshochschule. Daraus lässt sich nur schwer ableiten, wie viele Menschen mit Leseschwierigkeiten es im Kreis Gotha gibt. Aber es gibt sie. Und viele von ihnen wollen sich nicht mehr damit abfinden, dass Buchstaben ein unlösbares Rätsel bilden. "Schon 1998 haben wir Kurse angeboten", berichtet Heinrich, "und die waren gut besucht." Bereits damals sprudelten dafür Fördermittel, allerdings mussten die Teilnehmer pro Stunde noch zwei Mark aus der eigenen Tasche zuschießen. Als die Fördertöpfe unvermittelt gedeckelt wurden, stieg die Summe so an, dass die Kurse für die Teilnehmer nicht mehr bezahlbar waren. Der ältere Mann hat schon vor 14 Jahren beschlossen, so Lesen und Schreiben zu lernen, dass er sich im Alltag behaupten kann. Der Traum zerplatzte, als er nicht in der Lage war, die plötzlich erhöhten Kursgebühren zu berappen. Seit 2010 bietet die Kreisvolkshochschule wieder Alphabetisierungskurse an im Rahmen der Alpha-Initiative. Bislang gab es zwölf Kursteilnehmer, aktuell sind es sieben. Die Schwierigkeit ist, dass die Nachricht über das Angebot die Adressaten nicht erreicht. "Es geht nur über Dritte", sagt Pädagogin Isabel Herda.
Unterricht orientiert sich an der Praxis
Freunde, Verwandte und dank guter Zusammenarbeit auch immer mehr Behörden machen auf die Offerte der Kreisvolkshochschule aufmerksam. Den jüngeren der beiden Männer, die stellvertretend ihre Geschichte erzählen, stieß die Mutter mit der Nase darauf. "Da gehst du hin", hatte sie gesagt, "das ist deine Chance."
Und er ist froh darüber. Er kann nicht nur lesen, was die Verpackungen in den Supermarktregalen enthalten, er kann nun auch vergleichen, was preisgünstiger ist. Neben Lesen und Schreiben sind auch die Grundrechenarten Unterrichtsbestandteil. Der ältere Mann hat viele Verträge unterschrieben, von denen er nicht wusste, was drin stand. Er hat für Abrissfirmen gearbeitet. Dass da Schilder waren, die vor Asbest warnten, konnte er nicht lesen. "Meine Chefs", sagt er, "haben das ausgenutzt." Das soll ihm nicht mehr passieren. "Der Unterricht orientiert sich an der Praxis", sagt Isabel Herda. "Die Teilnehmer sollen rasch Erfolge erleben, auch wenn sie noch so klein sind." Man glaube gar nicht, wie sehr sich jemand freut, wenn er im Vorbeifahren das Straßenschild lesen kann. "Stimmt", fügt der ältere Mann an, "jetzt traue ich mich auch, mal irgendwo hinzufahren, weil ich die Schilder lesen kann." Wichtig ist auch, dass der Lernstoff ihnen im Berufsleben weiterhilft. Die Betroffenen haben alle in ihrer Schulzeit lesen gelernt mehr oder weniger gut. In der Regel haben sie die Schule mit schlechten Erinnerungen und ebensolchen Noten verlassen. Und sich danach nie mehr mit den Dingen beschäftigt, die ihnen im Grund verhasst waren.
Die Angst vor dem Ort Schule nehmen
"Also besteht unsere Aufgabe vor allem darin, den Menschen nicht nur das Alphabet nahe zu bringen, sondern ihnen zuallererst die Angst vor dem Ort Schule und dem Lernen zu nehmen", beschreibt die Lehrerin die Situation. Das ist nicht immer einfach, auch wenn die Kursteilnehmer hoch motiviert sind. "Wer zu uns kommt, will lernen." Der Unterricht umfasst im Jahr 100 Stunden, jeweils zwei Unterrichtsstunden pro Woche. Die Lerngruppen sind klein, die beiden Männer beispielsweise machen eine davon aus. Ferien, wie in anderen Kursen, gibt es nicht. "Wir wollen nichts abreißen lassen", sagt Isabel Herda, "wer das Lernen nicht gewöhnt ist, dem schaden lange Pausen." Wie lange die Kreisvolkshochschule diese Kurse im Programm halten kann, hängt von der Förderung ab. Für dieses Jahr sind erst 70 Prozent sicher. Die Verantwortlichen hoffen, dass die fehlenden Mittel kommen auch für die nächsten Jahre.
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